Worauf hatte er sich in Gottes Namen da eingelassen? Und wer waren eigentlich die beiden geschätzten Kollegen, die ihn auf dieser absurden Expedition begleiteten? Caspar hatte keine Ahnung, sah man von parasozialen Beziehungen unter diskret operierenden Weltraumforschern ab, die ihm lediglich von TED-Talks, wissenschaftlichen Papers oder Konferenzen geläufig waren. Er würde Melchior und Balthasar noch kennenlernen. Trotz ihres erheblichen Altersunterschieds entsprangen alle drei einer einst glorreichen, aber längst erloschenen Epoche, deren aristokratische Vertreter ihren beachtlichen Wohlstand und grenzenlosen Einfluss geschickt geltend machten. Heutzutage ließ sich ihr Reichtum eher nostalgisch beziffern, während die wissenschaftliche Kompetenz nicht selten als intellektuelles Sternguckertum abgetan wurde. Umso überraschter war Caspar, als ausgerechnet sein Name fiel, um eine Eliteeinheit international renommierter Astronomen und Astrologen zu begleiten, die dem Ruf eines dubiosen, bislang unbekannten Sterns folgen sollten. Dass es ein einsamer Ruf in die Wüste werden würde, ahnte zu dem Zeitpunkt noch niemand.
Ihr Auftraggeber, ein gewisser Herodes, der nicht mit Klarnamen genannt werden wollte, galt als notorisch herrschsüchtiger Staatsmann mit zweifelhaftem Ruf. Es sei ihm, Herodes, durch den Sinnfluencer Hashtag IbuProphet_Micha zu Ohren gekommen, dass die Rettung der Welt unmittelbar bevorstehe. Da in der öffentlichen Meinung göttliche Prophezeiungen nicht mehr als verlässliche Quelle taugten, galt es den Sachverhalt beziehungsweise den Erlöser höchstselbst unter streng wissenschaftlichen Kriterien zu prüfen. Man möge den Eltern, „ja sie hatten richtig gehört, es handele sich beim Messias um einen Säugling“ einen informellen Besuch abstatten. Tatsächlich fiel das etwas aus der Mode geratene Wort „huldigen“ in dem Zusammenhang. Der ausdrückliche Verweis auf die Dringlichkeit dieser Geheimmission, über deren Ausgang Herodes persönlich informiert werden wollte, verstehe sich von selbst. So weit so ungewöhnlich. Als Bevollmächtigte einer brotlosen Wissenschaftsdomäne durfte man heutzutage nicht wählerisch sein.
Die Antwort auf die quälende Frage, warum qualifizierte Astronomen sich von einem Stern in die Irre führen ließen, variierte. Je nachdem, wen man fragte. Ein verhangener Nachthimmel und überall Funklöcher waren herausfordernde Bedingungen, mit denen keiner gerechnet hatte. Streit entbrannte, weil Balthasar auf sein altaramäisches Kartenmaterial bestand, das ohne Google Translate jedoch keinerlei Orientierung bot. Beleidigt trug er die Rollen vor sich her und strafte die anderen mit majestätischem Schweigen. Melchior berief sich prahlerisch auf sein angeborenes Sprachtalent, als er ortstypische Dialekte an den Einheimischen ausprobierte. Doch statt verlässlicher Orientierungshilfen erntete der nur hilfloses Achselzucken und mutmaßliche Ahnungslosigkeit. Wiederholt zeigte sich, dass er sein Können maßlos überschätzte. Als hätte jemand auf copy-paste geklickt gab es in dieser gottverlassenen Gegend ausschließlich Hirten, die, wenn man ihre Gesichter zu lesen vermochte, nie einer Meinung waren. Unbeirrt glaubte Melchior verstanden zu haben, dass auch die Hirten den geheimnisvollen Himmelskörper bemerkt hatten. Allem Anschein nach hatte dieser oder etwas Übermenschliches ihnen aber das Fürchten gelehrt. Inzwischen bereute Caspar, dass sie den 4. König so überheblich abgewiesen hatten. Sein Ruf als großzügiger Wohltäter, der noch sein letztes Hemd unter den Armen verteilte, eilte ihm voraus und hätte ihnen in dieser Lage sicherlich weiterhelfen können.
Und dabei hatte alles so verheißungsvoll angefangen, als sie per Video-Chat die zu treffenden Reisevorbereitungen untereinander aufgeteilt hatten. Wollte man den Eltern oder diesem Baby-Messias huldigen, mussten imposante Baby-Shower Geschenke her. Traditionell sah die vorchristliche Überlieferung bei derartigen Anlässen Gold, Myrrhe und Weihrauch vor. Grundsätzlich kein schlechter Vibe, der wertschätzende Anerkennung, ein gesundes Maß an Spiritualität, aber auch heilende Kräfte suggerierte. Aber etwas Ausgefallenes fehlte noch, fand Caspar, der noch nach dem sinnstiftenden Glamourfaktor suchte. Begeistert von der Idee erklärte Chat-GPT, dass eine Windeltorte, ein I am Boss-Strampler oder hochwertiges Babyöl die Augen werdender Eltern zum Funkeln bringen würde. Uninspiriert beschloss Caspar sich der Sache persönlich anzunehmen.
Auf seinem Weg durch die vorweihnachtliche Gemengelage begrüßte ihn beim Betreten eines stadtbekannten Kulturkaufhauses ein Schwall tropisch-heißer Luft. Schweißgebadet versuchte er sich in dem Gedränge seiner Wintergarderobe zu entledigen, wurde jedoch vom Strudel hektischer Geschäftigkeit fortgerissen. Vorbei an Bestsellern, New Romance, allerlei Gedöns und sinn- sowie humorvollen Abreißkalendern. Vorbei an erhitzten Gemütern, denen die erschöpfende Panik ins Gesicht geschrieben stand. Schon begann er an allem zu zweifeln, als der Sog ihn an einer kleinen Wendeltreppe ausspukte, über die er in eine ihm unbekannte, fein sortierte Bücheroase gelangte. Aufrichtige Literatur– das klang vielversprechend. Zum Beispiel ein Kochbuch zur gesunden Ernährung. „Geschmacklos“ lautete der ernüchternde Titel oder „10 Minuten Gerichte, die über eine Stunde dauern“ Vielleicht doch lieber ein Ratgeber? „Sieben Wege zur Effizienz, die du nach einer Woche aufgibst.“ Oder „It worked for me, but it won’t work for you“. Stirnrunzelnd hielt er „Das Kind in mir will achtsam morden“ in den Händen. Mit aufrichtiger Wahrhaftigkeit würde sich kein Glamoureffekt einstellen. Ziellos ließ er sich treiben und landete wie durch göttliche Fügung am einzigen Ort, der eine geradezu friedliche Atmosphäre verströmte. In Zeiten inflationärer Verfügbarkeit digitaler Angebote, war der Kauf physischer Tonträger zu einem randständigen Hobby mit Reminiszenz-Effekt verkommen. Caspar suchte den Blick des Verkäufers, der ebenso leer war, wie die Musikabteilung. Doch dann der erlösende Moment, der einer Erleuchtung gleichkam. Aus den Lautsprechern ertönte ein monumentaler Chorus, in den Caspar augenblicklich miteinstimmte: „Jesus Christ! Superstar. Do you think you’re what they say you are?“ Mit einem euphorischen Siegerlächeln und einem Rundum Sorglos Paket, das dem Label Glam-Rock alle Ehre machte, verließ er das Geschäft. Neben einem Livemitschnitt der gefeierten Inszenierung der Komischen Oper, hatte er auch noch Premiumtickets ergattert.
Von der ekstatischen Vorfreude war jetzt kaum noch etwas zu spüren. Gedankenvoll verlor sich Caspars Blick in der unendlichen Aussichtslosigkeit der Wüstenlandschaft. Balthasar und Melchior, die ihre zahllosen Schuldzuweisungen inzwischen erschöpft und ihren Disput beigelegt hatten, blieb die Schönheit dieser magischen Nacht ebenfalls nicht verborgen. Im Sinne der Versöhnung einigte man sich darauf, dass die Menschheit ja nun schon eine halbe Ewigkeit auf die erlösende Friedensbotschaft gewartet hatte. Da käme es auf ein paar Tage mehr oder weniger nun auch nicht mehr an. Wie durch ein Wunder riss die Wolkendecke auf, der glamourös funkelnde Stern wies ihnen klar und deutlich den Weg. Begleitet von einigen Sternschnuppen schossen Caspar die Worte Adam Zagajewskis durch den Kopf: „Irgendwann muss sich jeder entscheiden, ob er den Sternen von seiner Generation erzählen will oder seiner Generation von den Sternen.“ Er erhob sich und begann ein C+M+B Graffiti an einen Felsen zu sprühen.






